Die Naturwissenschaftliche Sektion

Spätestens seit dem 20. Jahrhundert ist es möglich, dass man aus der Beschäftigung mit der Naturwissenschaft an Grenzfragen stößt, zu deren Beantwortung man sich von der Anthroposophie Hilfe erhofft. Viele werden aber auch durch andere Lebensgebiete auf die Anthroposophie aufmerksam und suchen erst später, sie auch vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt zu verstehen.

Beschäftigt man sich als Naturwissenschaftler mit Anthroposophie, so können sich spezifische Fragen und Interessen ergeben:

Zunächst erkennt man, dass das Werk Rudolf Steiners auf einer an der Naturwissenschaft entwickelten methodischen Grundhaltung aufbaut: Rudolf Steiner nimmt biographisch seinen Ausgangspunkt bei einem naturwissenschaftlichen und philosophischen Studium, und auch in seinem späteren Werk wird diese sichere Basis immer wieder betont.

Andererseits scheinen manche seiner Aussagen der Naturwissenschaft zu widersprechen – oder doch zumindest neue Gesichtspunkte hinzuzubringen. Damit ist auf eine erste Aufgabe der Naturwissenschaftlichen Sektion hingewiesen: Zu untersuchen, wie Anthroposophie vereinbar ist mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft. Die Frage nach der Vereinbarkeit stellt sich nicht so sehr für die naturwissenschaftlichen Theorien, Hypothesen und Modelle, wohl aber für experimentelle Ergebnisse und ihre Zusammenhänge. Für das Verfolgen solcher Fragestellungen ist ein Darinnenstehen in der zeitgenössischen Wissenschaft und auch ein lebendiger Austausch mit ihren Vertretern unerläßlich.

Will man zu einem tieferen Verständnis der Anthroposophie vordringen, so ergeben sich daraus für den Naturwissenschaftler vielfältige Forschungsfragen: In welchem Sinne spricht Steiner von den Elementen (Fest, flüssig, gasförmig, Wärme), was sind die sog. Ätherarten (Wärme, Licht, Chemie, Leben) und wie kommt man zu einem Verständnis und einer Anschauung davon? Wie gewinnt man durch die Erscheinungen des Lebens einen Zugang zum Wesen des Lebendigen, zum Ätherischen, nicht nur allgemein, sondern bis zum tieferen Verständnis einer bestimmten Pflanzenart und spezifischen Lebenszusammenhängen, ohne in reduktionistische Vorstellungen zurückzufallen? Wie kann dieses Verständnis für die Tierwelt und den Menschen vertieft werden? Wie gewinnt man eine angemessene Anschauung von der Evolution, über die sich Steiner ja immer wieder grundlegend geäußert hat, und wie sind die von ihm verschiedentlich angesprochenen Zusammenhänge irdischer Vorgänge mit dem Kosmos zu verstehen?

Ein weiterer Ausgangspunkt kann sein, dass man mehr und mehr die Bedeutung der aus der Anthroposophie hervorgehenden praktischen Lebensfelder erkennt. Auch hier stellen sich eine Vielzahl von Forschungsfragen aus den Zusammenhängen der Landwirtschaft, Pharmazeutik und Pädagogik. Außerdem gibt es eine Reihe von naturwissenschaftlichen Forschungsaufgaben, die Steiner selbst gestellt hat. – Erst durch aktuelle Forschung können diese Lebensgebiete der Anthroposophie verantwortlich weiterentwickelt und so über das Anwenden überkommener Rezepte – so gut diese sein mögen – hinausgeführt werden. Ähnliches gilt für die Anthroposophie selbst. Eine solche Forschung kann als eine zweite Aufgabe der Sektion angesehen werden.

Es hat sich gezeigt, dass ein fruchtbarer Ansatz für solche Forschung in der Methode Goethes liegt. Sein Anliegen, die Betrachtungsart von der Art des zu Betrachtenden abhängig zu machen, d.h. nicht von der Suche nach Modellen auszugehen, sondern die Erscheinungen selbst sich aussprechen zu lassen, eröffnet einen Weg zu einem vertieften Naturverständnis. Dies gilt sowohl für die anorganische Natur (Farbenlehre) als auch für die Organik (Metamorphose der Pflanze). Steiner selbst hatte hier seinen Ausgangspunkt. Damit ist aber durchaus nicht gemeint, dass man bei den Erscheinungen stehenbleiben müsse, die Goethe zugänglich waren. Vielmehr erhalten gerade auch Gebiete der neueren Forschung eine wesentliche Beleuchtung. Es zeigt sich aber auch, dass die Methode Goethes eine ihr gleichsam immanente Vertiefung erfahren kann durch die Wege meditativer Schulung, wie sie in der Anthroposophie angelegt sind. In diesem Zusammenhang steht auch die Arbeit an den von Steiner vermittelten Inhalten der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Damit ist auf eine dritte Aufgabe hingewiesen: an einem zeitgemäßen Schulungsweg für Naturwissenschaftler zu arbeiten. Die Bearbeitung der anderen Aufgaben ist ohne dieses Element kaum möglich.

Bedenkt man, dass heute das Bewußtsein jedes Menschen weitgehend von der naturwissenschaftlich-gegenständlichen Vorstellungsart geprägt ist, so ergibt sich in deren Überwindung unter Beibehaltung der exakten Methode eine Arbeitsrichtung, die weit über die Grenzen der Naturwissenschaft im engeren Sinn hinaus Bedeutung gewinnen kann.

Selbstverständlich wird an diesen Aufgaben nicht nur in Dornach gearbeitet. Vielmehr gibt es in aller Welt Wissenschaftler, Forschergruppen und Institute, die mit den genannten Fragen oder Aspekten davon umgehen. Je mehr sich die Forschungswege individualisieren, desto mehr kommt es bei dem gemeinsamen Grundanliegen, wesentliche, in der Zeit liegende Fragen vom Gesichtspunkt der Anthroposophie aus zu bearbeiten, auf einen lebendigen Austausch der Erfahrungen und Ergebnisse an. Diesen Austausch zu ermöglichen, eine Art Netzwerk zu bilden und zu fördern, kann als eine vierte Aufgabe der Sektion angesehen werden. Dazu stützt sich die Arbeit auf ein Sektionskollegium, welches von Wissenschaftlern vor allem aus Europa gebildet wird und regelmässig zusammenarbeitet.

 

Johannes Kühl